London Clay - Ein Rebell

In meinem ersten Interview mit der Archäologin und Keramikerin Ekta B. versuchten wir, dem Begriff näher zu kommen. Sie arbeitete bereits seit einiger Zeit mit dem GoldenEarthStudio; einer Initiative, die London Clay aus Baugruben zur Abholung für Künstler*innen bereitstellt. Auf einer Ausstellung des Kollektives traf ich sie und fand so erste Zugänge zum Feld.

All meinen Forschungspartner*innen stellte ich im Interview die Frage, ob sie London Clay mit drei Adjektiven beschreiben können und Ekta fasste es für sich so zusammen:

“London Clay is like a baby, growing naturally with no force or pressure. Slowly and over time and sometimes it turns out as a rebel.” (Ekta B. Interview)

Vor rund 56 Millionen Jahren (im sogenannten Eozän), als das Gebiet von einem warmen, flachen Meer bedeckt war, entstand das Material. London Clay ist das Ergebnis langsamer Ablagerungsprozesse: feinste Sedimente, organische Überreste, Mineralien und Wasser, die sich über immense Zeiträume hinweg verdichtet haben. 

Nach dem Rückzug des Meeres wurden die Sedimente durch Überlagerung und Entwässerung zu dem heute bekannten, dichten Ton verfestigt. Diese Zusammensetzung macht ihn schwer, plastisch und zugleich widerspenstig. Sein hoher Wassergehalt verleiht ihm Formbarkeit, aber auch Instabilität: Im Verlauf meiner Forschung berichten mir viele meiner Forschungspartner*innen vom Scheitern. Von Ergebnissen, die zwar spannend, aber auf keine Weise dem entsprachen, was sie sich zuvor vorgestellt hatten und so auch Ekta. Sie bezeichnet den Ton als Rebellen. Als etwas, das weder durch Gewalt noch Druck, in  die Form gepresst werden kann, die man sich im Kopf bereits ausgemalt hat. Beide haben einen Willen: Sowohl der Ton als auch der/die Keramiker*in.

Und obwohl ich erste Zugänge zum Feld knüpfte und Interviews durchführte, fühlte sich der Zugang zum Feld immer noch begrenzt an. Ich konnte über den Ton sprechen, aber die Werkstatttüren blieben mir noch verschlossen.

Ekta arbeitet zuhause an ihrem Schreibtisch. Auch aus diesem Grund entscheidet sie sich in ihrer Arbeit eher schlichte und unglasierte Stücke zu produzieren. In einer Stadt wie London Miete zu zahlen, beeinflusst auch die Arbeit von Kunsthandwerker*innen. Werkstätten sind häufig schwer finanzierbar: Lagerhallen werden mit leichten Trennwänden in die kleinstmögliche Einheit unterteilt, in der man gerade noch arbeiten kann.

London Clay kommt auch mir vor wie ein Rebell. Ich fühle mich ähnlich: Mein Forschungsvorhaben lässt sich nicht erzwingen, vor allem die Mitarbeit in Werkstätten. So führte ich viele Interviews und konnte mich dem Ton zwar in Gesprächen annähern, aber ich kam nicht so richtig darüber hinaus.

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