Sensory walks

Die Arbeit mit Ton ist unvorstellbar, ohne das Wissen und Verstehen der Hände.

Als Keramikerin ist es immer mein erster Impuls, jedes Stück Keramik erst einmal umzudrehen: der Boden jedes gebrannten Stückes verrät das meiste über den unbehandelten Ton.

Auch den Zustand der plastischen Masse kann ich am besten mit der Hand erfassen. Wie plastisch ist er? Besser zum Drehen oder zum Bauen? Wird er hohe Brände gut überstehen?

Das alles sind Fragen, die mir das Auge allein nicht beantworten kann. Eine Feldforschung, die sich um London Clay dreht, war in meiner Vorstellung nur in Kombination meiner Sinne möglich.  Genau hier begann auch die Herausforderung: In den nächsten Wochen sollte die London Design Week stattfinden und dabei waren viele meiner Gesprächspartner*innen tief in den Vorbereitungen und wenig erreichbar für Interviews oder andere Formen des Austausches. So fühlten sich meine ersten Wochen teilweise an, als wollte meine Feldforschung nicht so richtig in die Gänge kommen. 

Es waren diese ersten Tage bis Wochen, in denen ich vor allem gegen diese Abwesenheit kämpfte. Gegen die Abwesenheit von Ton, von Forschungspartner*innen, von einem sehr klar abgesteckten Feld. Alles schien von dem Gemenge der Großstadt überdeckt. Ich fühlte mich verloren in dem Geflecht der Großstadt und nicht in der Lage, einzelne Stränge zusammenzuführen.

Also versuchte ich auch ohne sehr konkrete Vorhaben mit Forschungspartner*innen das Material in diesen urbanen Kontext und in meinen vorläufigen Alltag mit einzubeziehen.

“Walking is the best way to explore and exploit the city; the changes, the shifts, breaks in the cloud helmet, movement of light on water. Drifting purposefully is the recommended mode, tramping asphalted earth in alert reverie, allowing the fiction of an underlying pattern to reveal itself.” (Sinclair, p.4)

Wenn man feststeckt, soll man laufen und genau das habe ich irgendwann begonnen. Theoretisch gesprochen ist Ton überall, überall wo bestimmte Felsformationen auf Verwitterung und das jahrzehntelange Vergehen der Zeit treffen. London ist dabei keine Ausnahme, aber nur weil es an einem Ort Ton gibt, heißt das noch lange nicht, dass wir ihn sehen. Er liegt nicht einfach auf aufgetürmten Hügeln neben dem Hauseingang oder begegnet uns auf unseren täglichen Wegen zur Arbeit.

Meine Forschungspartner*innen bezeichnen den Ton, der aus der Bauindustrie kommt, häufig als “Müll”. In meiner Assoziation ist Müll etwas, das man einfach an jeder Straßenecke finden kann. Der Zugang sollte doch scheinbar einfach sein. 

Doch dieser Müll, um den sich meine Forschung drehte, war schwerer auffindbar als zuerst gedacht. 

Ich treffe vor allem auf die Formen seiner Abwesenheit. Die langen Rolltreppen hinunter zur U-Bahn; kleine Irrwege; ein Labyrinth unter der Erde, das täglich die 14,6 Millionen Einwohner der Metropolregion transportiert. Es sind diese gewölbten langen Gänge, die sich immer wieder nach rechts und links verzweigen, die die Form dieses Mülles wiedergeben. Es ist nicht das Problem, dass man etwas zurücklässt, sondern dass man etwas wegnimmt?

Aber was ist das eigentlich? Was ist diese Materie, deren einzige Spur teilweise ihre Abwesenheit ist? (Forschungstagebuch 10.09.25)

Quellen:

Sinclair, I. 2003. Lights Out for the Territory. London: Penguin Books.

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London Clay - Ein Rebell