“Are you just after the bricks?”

Irgendwie versuchte ich mich den Elementen des London Clay zu nähern, auch wenn mir das zuweilen unmöglich erschien. Ton besteht vor allem aus zerkleinerten Gesteinen, Tonmineralien und (abhängig vom Zustand - trocken, plastisch oder flüssig) aus Wasser. So kam es mir als der nächste logische Schritt vor, entlang der Themse zu spazieren. Da die Themse Ebbe und Flut hat, verändert sich das Themseufer permanent. Wenn gerade Ebbe herrscht, sind die Kiesbänke entlang der Southbank ein beliebtes Ziel für Mudlarking

Mudlarking ist das Suchen von (historischen) Gegenständen, Scherben, archäologischen Funden, die von der Themse über Jahrtausende verwahrt, befördert und hervorgebracht wurden (London Museum o.J.).

Der Schlamm der Themse ist anaerob, das heißt, dass sich kein Sauerstoff in dem Material befindet.Was vor allem zur Folge hat, dass er all die Objekte und Gegenstände, derer sich die Stadtbewohner einst entledigen wollten, säuberlichst konserviert. Auch Tonpartikel finden sich in diesem Schlamm. Auf gewisse Weise bin ich hier also in nächster Nähe von gleich zwei Elementen, die London Clay ausmachen.

Ich spaziere am Ufer entlang und bin fasziniert von der schieren Menge an Scherben, Steinen und Ziegeln. Die wenigen Male, in denen ich vom Mudlarking hörte, erschien es mir höchst unwahrscheinlich, dort überhaupt etwas zu entdecken.

An einer Stelle lagen unzählige Ziegel. Sie alle hatten die charakteristische Form: rechteckig, mit einer Mulde in der Mitte und den unmissverständlichen Lettern LONDON BRICKS.

Ich hob einen der Ziegel auf! Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich über Tage und Wochen umgeben war von diesen Ziegeln. Sie machen das charakteristische Stadtbild aus, das einen unmissverständlich daran erinnert, dass man sich in London befindet. Ich hatte sie bereits als selbstverständlich wahrgenommen. Erst durch die Berührung dieses Einzelstückes konnte ich die Vernetzung des Ziegels mit dem Stadtbild und schlussendlich mit meiner Forschung verknüpfen.

“Are you just after the bricks?” hörte ich einen Mann hinter mir fragen. Er hatte eine kleine Umhängetasche und um seinen Hals baumelte eine Plastikkarte mit seinem Foto, darunter sah ich das Logo der Port of London Authority. Er erzählte mir, dass er ein sogenannter Mudlarker ist. Die Karte um seinen Hals war seine offizielle Lizenz. Alle Mudlarks müssen sich registrieren und alle Funde melden, vor allem aber solche, die archäologisch und historisch von Bedeutung sind. 

Der Mudlaker, mit dem ich ins Gespräch kam, zeigte mir seine Funde des Tages. 

Drei Tonscherben aus verschiedenen Jahrhunderten. Er hatte schon bessere Tage, aber er schien trotzdem zufrieden mit den drei Fragmenten. 

Das Besondere am Mudlarking ist es außergewöhnliche Dinge zu finden: historisch, selten, Edelmetall, Scherben von glasierter Keramik.

Ich fragte ihn, ob er denkt, dass ich auch ohne Lizenz einen Ziegel mitnehmen darf. Er guckte mich leicht amüsiert an und winkte ab: “Because of the bricks, don’t worry.”

Mudlarking ist jeden Tag wie die Bestandsaufnahme einer Stadt. Die Themse entscheidet, welche Teile des Stadtarchivs heute ans Tageslicht gespült werden und die Mudlarks machen es durch ihre Augen sichtbar. Scherben, Pfeifen, Perlen aus allen Epochen der Stadt liegen als ein zeitgeschichtliches Durcheinander gespült an die Ränder des Flusses. Es ist, als würde man durch die Linse eines Mikroskops blicken. All diese Steine, Scherben, Ziegel, die eines Tages mal am Ufer lagen und nicht aufgehoben wurden, ziehen weiter. Die nächste Flut nimmt sie mit, getragen und zerkleinert durch die Kraft des Wassers, vereinnahmt von dem Schlamm und in konstanter Bewegung, werden auch diese Fragmente eines Tages Partikel dessen, was ich gerade erforschte: London Clay.

Der rote Ziegel wurde auf einmal zum Sinnbild meiner Forschung. Des Davor und Danach; der materialisierten Stadt und seinen Ruinen; des Eozäns bis heute. Irgendwie steckte all das in den kleinsten Fragmenten und Partikeln sowohl materiell als auch theoretisch in diesem Objekt und somit in meiner Forschung. Der Ziegel als Sinnbild des meshwork meiner Forschung.

Ich hielt den Ziegel in der Hand, mit den Füßen auf dem kiesigen Strand der Themse und blickte auf das schlammfarbene Wasser. Auch wenn ich hier keinen Ton sehen konnte, dann bin ich dennoch gerade Zeugin all dessen, was in wiederum hunderten von Jahren einmal Ton sein wird. Nur nicht der Ziegel in meiner Hand, den würde ich erstmal als Anschauungsobjekt mit nach Hause nehmen.

Quellen:

London Museum. o. J. What is Mudlarking? https://www.londonmuseum.org.uk/collections/london-stories/what-is-mudlarking/ (Accessed on 25.02.2026)

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