London - Center of WHAT?!

“Die Forschung läuft anders als gedacht. Ich habe mit Leuten gesprochen und war auf Konferenzen und Ausstellungseröffnungen. Intellektuell habe ich schon sehr viel Input bekommen und doch hatte ich noch kein Stück Ton in der Hand. Nicht einmal Matsch am Schuh. Die pampige Mischung aus Erde und Wasser. Ich vermisse es. Mein Hauptinformant abwesend!

In Form von gebrannten Stücken ist er überall: hart, verziert, geformt für die Ewigkeit. Die ganze Stadt ist gepflastert mit roten Ziegeln, die Wände schwer behängt, die Museen gefüllt. Ich vermisse die formbare, flexible, kommunikative Masse. Das Leben, die Geschichte scheint schwer extrahierbar aus einem gebrannten Stück, nur noch das Narrativ des/der Künstlers*in.

Sensorisch gesprochen fühle ich mich am denkbar schlechtesten Ort. Die Kleidung, die ich trage: Sauber, schick, schöne Schuhe. Ein anderes Zeichen dafür, dass ich am falschen Ort bin, ein anderes Zeichen für die Abwesenheit von Ton.” (Forschungstagebuch 19.09.25)

Ich lief entlang des Regent’s Canal. Alles gepflastert! Wasser läuft auf geplanten Routen durch diesen Teil der Stadt. Die Hausboote bewegten sich langsam auf dem scheinbar stehenden Wasser. Immer mal wieder stieß ein Boot an die Ufermauern. Ein dumpfes Geräusch. Rote Ziegel säumen jeden Meter des Kanals. Der Ziegel war auf einmal überall und viel klarer für mich wahrnehmbar geworden. Er war ein Puzzlestück, aber dennoch versperrte er mir vielerorts den Zugang zu der offenen, rohen Erde. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie schwer es ist, in einer Metropole Zugang zum Boden zu bekommen. Dem nackten, offenen, “schmutzigen” Erdboden. 

Wenn ich zwar nicht auf das darunter blicken konnte, so zumindest auf die Ziegel, die hier den gesamten Kanal säumten, der im frühen 19. Jahrhundert gebaut wurde. Rotbraun- mit wechselnden Farbverläufen. Ein Zeichen für den Brand, bei dem die geformten Ziegel auf großen Haufen gestapelt und dann über mehrere Tage durch den Kontakt mit dem direkten Feuer gebrannt wurden, bis sie unverformbar und stabil für den Bau waren. 

Ich fragte mich, ob das vielleicht genau das Problem war. Ist London eben doch nur der Ort des Fertiggestellten, des Luxuriösen und des “Produkts”; da wo Handwerk verkauft, verwendet und vermarktet wird, aber nicht mehr unbedingt produziert?

Giovanni A. arbeitet in den Werkstätten von Rescued Clay, einer Art Keramikstudio, aber auch Forschungs- und Designlab. Durch einen Vortrag bei der London Design Week werde ich auf die Organisation aufmerksam. Rescued Clay bekommt den Ton von den Tiefbauarbeiten der HS2, einer neuen Schnellzugstrecke von London nach Leeds. Der Ton wird als Ressource gesehen für Gemeinschaftsprojekte, erschwingliche Keramikkurse und handwerkliche Förderung von Kindern (Rescued Clay o. J.)

Im Gespräch mit Giovanni fragte ich ihn, wie er London Clay beschreiben würde. Er überlegte sehr lange. Als ich ihm sagte, dass er auch etwas zeichnen kann, reagierte er erleichtert. Im Laufe unseres Interviews zeichnete er ein Schaf. Er berichtete, dass er inzwischen in der Stadt tätig ist, doch der Gedanke an diesen Ton ruft unweigerlich die Erinnerung an das erste Mal wach, als er eigenhändig Ton fand. Er stand alleine auf einer Wiese, inmitten einer Schafherde. Er arbeitet bis heute mit diesem Material, das aus der Nähe von Oxford kommt. Als ich ihn weiter fragte, ob er denn auch gerne mit London Clay arbeiten würde, sagte er:

“It doesn’t want to exist as clay!” (Interview Giovanni A.)

Der Gedanke der Schafherde ließ mich nicht los. Es wirkte wie eine kontrastreiche und fast romantische Vorstellung davon, woher der Ton eigentlich kommen sollte.

Die Stadt London scheint manchmal überwältigend. Jeder m2 die Formulierung von Besitzansprüchen. Dort wo sie niemandem gehört, ist die Erde gepflastert, versiegelt und scheint unerreichbar. Ist London Clay vielleicht wirklich ein Rebell, trägt er Geschichte und Narrativ mit sich? Sind all diese Jahrhunderte an Stadtgeschichte irgendwie in den Boden gesickert und haben ihn eigensinnig gemacht und ist er gerade deshalb für viele Keramiker*innen so faszinierend? Trägt er nicht nur dieses riesige Zentrum seit Millionen von Jahren auf sich, sondern repräsentiert es auch irgendwie?

Quellen:

Rescued Clay. o. J. Welcome to Rescued Clay. https://rescuedclay.com/ (Accessed on 28.02.2026).

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