After a day of physical labour
In dem Studio von Rescued Clay fand ich dennoch endlich den Zugang zu einer Werkstatt. Ich arbeitete mit anderen Freiwilligen an der Tonaufbereitung. Der Ton wird erst gewässert, dann vermischt, bis er eine cremige Konsistenz hat. Dann muss man das Material portionsweise durch ein feines Sieb streichen. Dabei sollen Kalk und andere Partikel, die beim Brand Probleme verursachen können, vom Ton getrennt werden.
Viele der Freiwilligen kommen aus Bürojobs und erzählten, dass sie die körperliche Arbeit genießen. Die Idee von physischer Arbeit als etwas, das einen auf andere Art und Weise zufrieden macht.
“It is so beautiful after a day of physical labor to enjoy the food” (Volunteer Amy)
Viele der Freiwilligen kommen jede Woche und helfen bei der Tonaufbereitung und anderen Arbeiten, die in der Gemeinschaftswerkstatt anfallen. Viele haben gar keinen Bezug zu Keramik, sie wollen einfach neue Dinge lernen und sich etwas anderem widmen als ihrem Smartphone.
Auch für mich war das erste Mal der Mitarbeit etwas Besonderes. Endlich hatte ich meine Finger tief in der sämigen Masse und strich über Stunden das Material durch ein feinmaschiges Sieb. Der Zugang zum Material brachte eine Erleichterung mit sich, die meine zuvor rigiden Vorstellungen von der Mitarbeit allmählich aufweichte. Amy’s Kommentar brachte mich zum Schmunzeln. Nach meiner dreijährigen Ausbildung als Keramikerin hatte ich diese Denkweise über körperliche Arbeit ein wenig vergessen.
War es doch auch für mich einmal Teil der Motivation gewesen, ein völlig neues Berufsbild zu erlernen. Auch ich merkte, dass es mich einfach freute, mir endlich mal wieder meine Finger “dreckig” zu machen. Auch wenn ich das Material gerne gleich auf der Scheibe ausprobiert hätte, so war auch diese Annäherung keine Enttäuschung, sondern vielmehr eine weitere Ebene meiner Forschung.
Die verhältnismäßig großen weißen Körner knirschten beim Streichen des Spachtels über das Sieb. Der Ton hatte eine tiefbraune Farbe. Im Laden wäre dieser Farbton sicher ein Ladenhüter, denke ich. Doch erst durch die Farbe, die im starken Kontrast zu den weißen Kalkpigmenten stand und dem unangenehmen Knirschen wurde mir klar, dass ich noch nie solche Verunreinigungen in einem Ton gesehen hatte. Ich war dem Material bis heute meist in seiner optimalen und “saubersten” Formbarkeit gegenübergetreten. Die Kalkpartikel sprachen jedoch über die Ablagerung in marinen Sedimenten und von Muschel- und Fossilienresten. Die Verunreinigungen selbst gaben Aufschluss darüber, wo er sich überall bewegt hatte und was zu seiner Entstehung beigetragen hatte.
Die Arbeit war sehr monoton; es war nicht unbedingt notwendig, das Material gut zu kennen. Dennoch gab mir mein Verständnis von Keramik und Ton einen besonderen Zugang. In Gesprächen kam ich vor allem durch das Teilen eigener Frustrationen und Experimenten aus meiner Werkstattpraxis meinen Forschungspartner*innen näher. Durch mein Forschungsdesign, in dem ich kein sehr klar abgegrenztes Forschungsfeld hatte, war es schwer eine permanente Beziehung zu meinen Interviewpartner*innen herzustellen. Vor allem zu Beginn war die Interviewsituation oft ein sehr klassisches Frage-Antwort-Spiel. In diesen Momenten merkte ich besonders, wie mein klares Positionieren als Keramikerin das Gespräch auflockerte. Wir konnten uns gemeinsam wundern, über das Material spekulieren und uns über seine Eigensinnigkeit ärgern. Das Material zu kennen, seinen eigenen Willen aber auch seine Besonderheiten, erleichterte es mir und ermöglichte Interviewsituationen, die vielmehr einer natürlichen und offenen Gesprächssituation Platz machten.
Ich kam mit dem Werkstattleiter Prashant ins Gespräch. Er teilte seine keramischen Erfolge mit mir und zeigte die Stücke, die er in der letzten Stunde gedreht hatte. Wir fachsimpelten über Plastizität, den Kalk, der diese verschlechtert und Brenntemperaturen. Wieder betrachtete ich Scherben und Fragmente und wir überlegten, wie es zu diesen kommen konnte.
Nach einem lang ersehnten Tag körperlicher Arbeit, saß ich in der U-Bahn und dachte noch über die Kalkpartikel in London Clay nach. Kann sich Londons Stadtgeschichte vielleicht wirklich und materiell in dem Material, in Form kleinster Partikel, wiederfinden? Ist London Clay eine Masse millionenfacher kleinster Fragmente Zeitgeschichte?
In welchem Zustand ich dem Material auch gegenübertrat, es warf mir mehr Fragen entgegen.